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6. Januar 2010 - 20:41 Uhr

Heute am Sternsingertag habe ich, wie es hier Brauch ist, die Weihnachtsdekoration in ihrer Wohnung abgenommen und sorgfältig verstaut, wie sie das wahrscheinlich über Jahrzehnte hinweg am Sternsingertag getan hat. Die Erinnerungen an das Aufhängen der Kugeln, der Sterne, des Goldsterns und das Einstellen des Lichterbogens in das Fenster waren so deutlich, als hätten die vergangenen vier Wochen nicht stattgefunden. Vier Wochen. Ab heute nun also kein Einschalten der Beleuchtung mehr gegen 17:00 Uhr, kein Ausschalten gegen 22.00. Die Lichter sind aus.

Es war sehr schön für sie, als die Sternsinger letztes Jahr in ihrem Wohnzimmer sangen, sie hat es genossen und gestrahlt. Heute waren sie nicht da. Ich war traurig deshalb, es hätte mich gefreut, wenn sie in ihrer Wohnung auch heuer gesungen hätten. In unserer Vorabendserie, meinem nun letzten täglichen Fixpunkt, jedoch hatte ein kleiner Junge seinen Auftritt als Ministrant. Es war sehr berührend, den Heiligen Drei Königen so unerwartet doch noch zu begegnen, daheim, im Wohnzimmer.

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29. Dezember 2009 - 21:42 Uhr

Im Traum vorletzte Nacht erschien es mir nicht richtig, daß ich mit andren Menschen über ihren Tod gesprochen hatte, andre Menschen über die Umstände Bescheid wissen, sie aber nicht. Sonst hab ich ihr doch auch alles erzählt, ich muss ihr unbedingt berichten und in der Sekunde, als dem Traum klar wurde, daß ich sie nicht anrufen kann war sie zugleich da, und ich hab ihr erzählt, wie sie gestorben ist, daß ich wirklich nur drei oder vielleicht auch fünf Minuten aus dem Zimmer war und sie dann tot vorfand, obwohl doch vorher nichts unmittelbar darauf hindeutet. “Na sowas!” hat sie geantwortet, ich bilde mir einen leicht schmunzelnden Tonfall ein. So wie sie wohl auch in der Wirklichkeit auf das Erzählte geantwortet hätte, wenn es denn möglich wäre.

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25. Dezember 2009 - 23:23 Uhr

Was half und hilft:

Schlafen. Weihnachten ignorieren. Schlafen. Mich mit WordPress beschäftigen. Schlafen. Mich mit meinen Photos beschäftigen. Schlafen. Stundenlang bei Frank Bültge schauen und lesen. Mich mit Greyfoto beschäftigen. Schlafen.

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20. Dezember 2009 - 14:09 Uhr

Was mir geholfen hat und hilft.

Das Dabeisein. Das Bei-ihr-bleiben in der Nacht darauf. Das Auf-sie-aufpassen und Mithelfen bei der Totenbeschauung, das Auf-sie-aufpassen während des Abtransportes.

Das Aussuchen des Trauerspruchs für die Annonce, das Aussuchen einer passenden Bibelstelle. Das Gespräch mit dem Pastor. Das Erinnern mit Familie und Freunden. Das Erinnern für mich allein.

Rituale. Ihre Wohnung ordentlich halten. Ihre Weihnachtsbeleuchtung gegen 17:00 Uhr einschalten. Mit den Finken sprechen.

Das tiefe Loch lag klar vor mir. Um nicht hineinzufallen, habe ich mir im Laufe der letzten Wochen eine Leiter gebaut. Damit kann ich hinabsteigen, vorsichtig, Sprosse für Sprosse. Wenn die Leiter hält, komme ich damit auch gut wieder nach oben.

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17. Dezember 2009 - 09:43 Uhr

Sie hat den silbernen Weihnachtsstern nicht mehr gesehen.

Es ist eine eigentümliche Gegenwart, die ich durchschwebe, so dichtgedrängt sind die Bilder der Vergangenheit an die Vorstellungen der Zukunft, daß für ein Jetzt gar kein Platz ist.

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14. Dezember 2009 - 21:59 Uhr

Auf der Suche nach einem Blatt Papier fand ich den silbernen Weihnachtsstern, den ich vor ungefähr zwei Wochen verzweifelt suchte, um ihr eine Freude zu machen. Er liegt jetzt hier neben mir, ich werde ihn ihr zeigen, wenn sie aufwacht, nur, wann wird das sein, und in welchem Zustand wird sie sich befinden?

Als ich ich vorhin gegen 17:00 Uhr die Jalousien herabließ, strich mir der Gedanke, nun die zweite Nacht einzuläuten, durch den Kopf. Es war gestern gegen 17:00 Uhr, als ich sie, auf der Couch sitzend, eingeschlafen vorfand und kurz danach die Jalousien herabließ.

Lang wird sie nicht schlafen, dachte ich, sie auf die Couch bettend, sie schlief ja schon fast den ganzen Tag. Sie schlief – wenn man einen unweckbaren Zustand, unweckbar durch Berührung, durch Ansprache, selbst durch Wechseln der Kleidung als Schlaf bezeichnen möchte – bis heute morgen ca. 11:00 Uhr.

Die dazwischenliegenden Stunden ….

***

Sie schläft nun wieder seit 17:00 Uhr. Ich bin ein Stockwerk über ihr, überwache ihren Atem mit dem Omaphone und bin froh, mich ein bißchen nur in meiner Welt aufzuhalten.

Vorhin um dreiviertel 8 schaltete ich das Fernsehgerät ein. Seit weit über einem Jahr schauen wir von Montag bis Donnerstag gemeinsam die bayerische Vorabendserie, ein liebgewonnenes Ritual, ein Indikator auch für ihre Stimmung und Verfassung (die stets prächtig ist, wenn sie die Titelmelodie mitsummt, mitsingt oder gar gröhlt).

Heute blieb sie, ich habe es nicht anders erwartet, in ihrem nahezu komatösem Zustand und mir war, …

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6. Dezember 2009 - 13:40 Uhr

Das Abhusten fällt ihr schwer. Es ist unklar, ob sie zu schwach ist oder ob sie nicht versteht, was sie tun soll. Auch Vorhusten bringt keinen Nachahmungseffekt. Jedoch: Lachen löst Hustenreiz aus. Das ist also die Aufgabe: Die hochbetagte und gebrechliche, einigermaßen altersverwirrte Oma zum Lachen zu bringen.

Was im Alltag absichtslos immer wieder geschieht, ganz nebenbei und beiläufig; es ist tatsächlich oft sehr lustig bei uns (wohl aber nur für den, der diese gewisse Art von Humor besitzt, oder in der Lage ist, ihn sich zu eigen zu machen), nun, das ist im Krankheitsfall nicht so einfach.

Und geschieht dennoch nebenbei: Beim obligatorischen Abklopfen des Rückens singe ich, ohne daß es mir bewusst ist (ich singe viel mit ihr), im Takt: “Da da da – Aha! Aha! Da da da – Aha aha aha …”

Sie will etwas sagen (ihrem Gesicht nach zu urteilen etwa “Maadla, spinnst jetzt?”) und blickt mich an. Wahrscheinlich hab ich nicht nur gesungen, sondern auch geschaut wie Stefan Remmler. Es kommt fast zugleich, das Lachen und das so notwendige Husten.

Es geht ihr heute besser.

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4. Dezember 2009 - 01:46 Uhr

Das Deckenlicht ist klein gedreht, hauptsächlich wird das Zimmer vom elektrischen Weihnachtslichterbogen im Fenster beleuchtet. Die Uhr tickt, der Ofen bullert, ab und zu zwitschern die Finken im Käfig. Ansonsten ist nur ihr Atmen zu hören, ein endlich gleichmäßiges Atmen, ohne Rasseln, ohne Brodeln, ohne Seufzen. Ich hab mich im Sessel zusammengekuschelt und bewache ihren Schlaf.

Die Nacht kommt mit ihrer Dunkelheit, ein Blick hinaus, überall strahlen Lichter in nachbarschaftlichen Bäumen und Fenstern. Leise lasse ich die Jalousie herab.

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