Ich bin noch nicht fertig

20. Februar 2010 - 22:46 Uhr

So sorgfältig hinabgestiegen in das dunke Loch, Schritt für Schritt auf der selbstgebauten Strickleiter, so vorsichtig durch die Finsternis getappt, die andre Seite suchend, um wieder hinaufsteigen zu können, hinauf in’s Licht. Die Falltür übersehen.

Es ist kein rasanter Fall. Ein Gleiten eher, schwebend, und ich sehe nicht nur die Marmeladengläser (Erdbeer, 1997) und Bücher (Kreuzworträtsellexikon) in den Regalen, sondern auch die Bilder an der Wand, die Bilder, die durch den Raum schweben, die Bilder in meinem Kopf. Keine Landkarten.

Das Schlimmste, meinte die Ärztin zu mir, sei für sie persönlich das Wissen, den verstorbenen Menschen nie mehr berühren zu können, nie wieder mit ihm sprechen zu können. Woher will sie das so genau wissen, das mit den “Nie wieder”?

Was das Schlimmste für mich ist, weiß ich nicht. Schlimm ist das Erinnern. Z.B. an den Grießbrei. Wie gut er geschmeckt hat, wie sie geschaut hat, wenn sie uns Kindern eine Extraportion Schokolade über den heißen Brei raspelte. Viel schlimmer jedoch ist das Erinnern an schlimme Dinge. Dies zaubert kein kleines, trauriges Lächeln in mein Gesicht.

Kommentieren » | Allgemein

.

6. Januar 2010 - 20:41 Uhr

Heute am Sternsingertag habe ich, wie es hier Brauch ist, die Weihnachtsdekoration in ihrer Wohnung abgenommen und sorgfältig verstaut, wie sie das wahrscheinlich über Jahrzehnte hinweg am Sternsingertag getan hat. Die Erinnerungen an das Aufhängen der Kugeln, der Sterne, des Goldsterns und das Einstellen des Lichterbogens in das Fenster waren so deutlich, als hätten die vergangenen vier Wochen nicht stattgefunden. Vier Wochen. Ab heute nun also kein Einschalten der Beleuchtung mehr gegen 17:00 Uhr, kein Ausschalten gegen 22.00. Die Lichter sind aus.

Es war sehr schön für sie, als die Sternsinger letztes Jahr in ihrem Wohnzimmer sangen, sie hat es genossen und gestrahlt. Heute waren sie nicht da. Ich war traurig deshalb, es hätte mich gefreut, wenn sie in ihrer Wohnung auch heuer gesungen hätten. In unserer Vorabendserie, meinem nun letzten täglichen Fixpunkt, jedoch hatte ein kleiner Junge seinen Auftritt als Ministrant. Es war sehr berührend, den Heiligen Drei Königen so unerwartet doch noch zu begegnen, daheim, im Wohnzimmer.

Kommentieren » | Allgemein

.

29. Dezember 2009 - 21:42 Uhr

Im Traum vorletzte Nacht erschien es mir nicht richtig, daß ich mit andren Menschen über ihren Tod gesprochen hatte, andre Menschen über die Umstände Bescheid wissen, sie aber nicht. Sonst hab ich ihr doch auch alles erzählt, ich muss ihr unbedingt berichten und in der Sekunde, als dem Traum klar wurde, daß ich sie nicht anrufen kann war sie zugleich da, und ich hab ihr erzählt, wie sie gestorben ist, daß ich wirklich nur drei oder vielleicht auch fünf Minuten aus dem Zimmer war und sie dann tot vorfand, obwohl doch vorher nichts unmittelbar darauf hindeutet. “Na sowas!” hat sie geantwortet, ich bilde mir einen leicht schmunzelnden Tonfall ein. So wie sie wohl auch in der Wirklichkeit auf das Erzählte geantwortet hätte, wenn es denn möglich wäre.

Kommentieren » | Allgemein

.

25. Dezember 2009 - 23:23 Uhr

Was half und hilft:

Schlafen. Weihnachten ignorieren. Schlafen. Mich mit WordPress beschäftigen. Schlafen. Mich mit meinen Photos beschäftigen. Schlafen. Stundenlang bei Frank Bültge schauen und lesen. Mich mit Greyfoto beschäftigen. Schlafen.

Kommentieren » | Allgemein

.

20. Dezember 2009 - 14:09 Uhr

Was mir geholfen hat und hilft.

Das Dabeisein. Das Bei-ihr-bleiben in der Nacht darauf. Das Auf-sie-aufpassen und Mithelfen bei der Totenbeschauung, das Auf-sie-aufpassen während des Abtransportes.

Das Aussuchen des Trauerspruchs für die Annonce, das Aussuchen einer passenden Bibelstelle. Das Gespräch mit dem Pastor. Das Erinnern mit Familie und Freunden. Das Erinnern für mich allein.

Rituale. Ihre Wohnung ordentlich halten. Ihre Weihnachtsbeleuchtung gegen 17:00 Uhr einschalten. Mit den Finken sprechen.

Das tiefe Loch lag klar vor mir. Um nicht hineinzufallen, habe ich mir im Laufe der letzten Wochen eine Leiter gebaut. Damit kann ich hinabsteigen, vorsichtig, Sprosse für Sprosse. Wenn die Leiter hält, komme ich damit auch gut wieder nach oben.

Kommentieren » | Allgemein

.

17. Dezember 2009 - 09:43 Uhr

Sie hat den silbernen Weihnachtsstern nicht mehr gesehen.

Es ist eine eigentümliche Gegenwart, die ich durchschwebe, so dichtgedrängt sind die Bilder der Vergangenheit an die Vorstellungen der Zukunft, daß für ein Jetzt gar kein Platz ist.

Kommentieren » | Allgemein